Pausen

Primäre und sekundäre Sinnesqualitäten, die von der kulturspezifischen europäischen Abstraktionsbasis noch zugelassen werden, treten in der faktischen Wahrnehmung ganz zurück hinter Qualitäten anderer Art, die Brücken leiblicher Kommunikation sind, von der Wissenschaft aber bis heute übersehen werden, weil sie von der Abstraktionsbasis, auf der die Begriffsbildung beruht, verdrängt sind. Es handelt sich in meiner Terminologie um Gestaltverläufe und synsästetische Charaktere. Gestaltverläufe sind Bewegungssuggestionen von Gestalten. Darunter auch von solchen, die selbst Bewegungen sind. Manche Gebärden sind winzige Bewegungen mit wuchtigem, weit auslandenem vielsagendem Gestaltverlauf, der der Gebärde ihren Sinn oder ihre Zudringlichkeit gibt. Denken Sie daran, dass man auf einen nahen Menschen mit dem Finger zeigt. Gestaltverläufe kommen als optische, akustische und taktile vor und können fast unverändert von einem Medium in das andere und in den gespürten eigenen Leib übergehen. Wie zum Beispiel der Rhythmus, das heisst der Gestaltverlauf einer eventuell von Pausen durchsetzten Sukzession. Deswegen schreibt man ja Gedichte, die unter die Haut gehen sollen, eher in rhythmischen Versen als in Prosa.

Hermann Schmitz

Liebe Besucherin, lieber Besucher,
Zurzeit nehme ich in der Praxis für die Sachen selbst keine neuen Aufträge an. Ihre geschätzten Anfragen leite ich gerne an mein Netzwerk weiter.

Zum Abschied

Lieber Arbeitsfreund

Dich dem Sterben ausgesetzt zu wissen, ist beängstigend. Weisst du noch, wie wir uns nach einem Treffen in Olten quicklebendig auf unsere Velos schwangen? Oder wie du auf einer unserer Reisen zu einer Tagung das Cockpit übernahmst, nachdem du mich vergeblich, liebevoll und fürsorglich, dazu animiert hattest, auf der deutschen Autobahn auf die Tube zu drücken. Deine Konzentration, deine Aufmerksamkeit, deine Routine und deine Kraft zu spüren, während du meinen Wagen geschwind über den Asphalt in die Weite eines Sommerabendhimmels triebst, ist unvergesslich. Auf diesen Fahrten wurdest du nicht müde über Phänomene und Emotionen zu sprechen. Wir glühten förmlich. Du fandest es nicht abwegig, dass es phänomethodisch gesehen darum geht, Jaeggi, Neiman, Arendt, weiblicherseits, und Hoyningen-Huene sowie Feyerabend, männlicherseits, hinter sich zu stellen, um von einem phänomenologischen Standpunkt aus auf Krisen und Konflikte von Klientinnen und Klienten blicken zu können.

Kennst du die Geschichte vom Restaurant am Ende des Universums? Es liegt unmittelbar vor dem Untergang, dort wo der Raum aufhört zu existieren. Das Restaurant wird von Kraftfeldgeneratoren daran gehindert unterzugehen. Jeden Abend wird den Gästen das gleiche Spektakel geboten. Die Generatoren werden für einen kurzen Moment ausgemacht, das Restaurant treibt Richtung Nichts. Kurz bevor es verschlungen wird, erwachen die Generatoren zum Leben, die Gäste schnaufen erleichtert auf, beenden ihr Mahl, bezahlen und setzen sich in ihre Raumschiffe, um in wohnlichere Galaxien zurückzukehren.

Douglas Adams hat sich das ausgedacht. Seine irdische Existenz endete abrupt, seither vermisse ich ihn. So, wie ich dich vermissen werde. Mit wem soll ich zukünftig durch das deutschsprachige Europa düsen und Zwischenhalte an Raststätten einlegen, die den Eindruck erwecken, einem Untergang ausgesetzt zu sein? Wem soll ich von Žižeks Phänomenologie berichten, die uns in die Lage versetzen will, die Realität sozusagen von aussen zu betrachten?

Trotz des Gedankens, du machest dich gegebenenfalls bald auf, um zusammen mit Adams besagtem Restaurant einen Besuch abzustatten, bleibe ich untröstlich.

Tun

Wir tun etwas und erleben durch die Effekte dieses Tuns, dass in Hinsicht auf die von uns ansgestrebten Ziele unser Tun mehr oder weniger gelungen ist.

Rahel Jaeggi, Kritik von Lebensformen, Suhrkamp Verlag, Berlin, 2014, S. 401

Das Erschrecken ob weniger Gelungenem gipfelt oft genug in demjenigen Tun, das uns das Erleben weniger gelungen erneut vor Augen führt.

Prototypen

Isolationist: Im Verlaufe der Lebensjahre zunehmend für Isolation sorgen. In jedem Aktionsfeld, das sich einem eröffnet. Das abgeschiedene Haus. Der Zaun mit dem Stacheldraht. Er isolierte sich, weil er davon ausging, sonst nicht schreiben denken zu können. Die Zettelkastenszenen im Film: #Befreiung. Wie es zum Ende hin immer enger wird um ihn. Der Freund, der in die Nähe zieht, die Journalisten, die das Haus belagern, die SchriftstellerInnen, die in sein Dorf pilgern, während er sich all diesen Menschen zu entziehen versucht.

Konfluentiker:

Seine Augen sind kalt, aber sein Mund ist sinnlich. Er ist ein Mann der das Leben verschlingen muss.

Anaïs Nin

Erst schreiben, dann fragen

Die Texte auf gegenwartundstruktur.net sind mit Zettel verwoben, die sich in einem Backlog ansammeln. Dafür wird eine, von der Öffentlichkeit weitgehend abgeschottete, WordPress-Installation verwendet. Sie ist Zettelkasten und Schreibwerkstatt. Als Lagerraum bietet ein WordPress Blog einschlägige Möglichkeiten Fundstücke, wie Zitate und Gedanken, abzulegen und mittels Link, Kategorien und Schlagwörtern untereinander zu vernetzen. Jedes Fitzelchen wird zettelweise ans Lager genommen. Betreffnisse (Begegnungen mit Zitaten und Gedanken) sollen der Bewertung Lagerwürdigkeit entzogen bleiben, indem im Vordergrund gehalten wird, dass es um Herstellung, Kategorisierung, Verschlagwortung, Ablage und Überarbeitung von einzelnen Zetteln geht. Erst ans Lager nehmen, dann fragen, was ans Lager genommen wurde, ist die Übung.

Dem Backlog wird zu einem Text, der sich in Entstehung befindet, in verschiedener Weise auf den Zahn gefühlt: Es kann auf die Verschlagwortung von Zetteln abgestellt werden, auf die Kategorien, denen die Zettel zugewiesen wurden, als auch auf die Volltextsuche. Was dabei erscheint, lässt sich grob in erwartet, überraschend und keine einteilen. Erwartetes dient der (Selbst-) Vergewisserung, Überraschungen (bspw. unerwartete Zettel) liefern Denkanstösse, während keine Ergebnisse der Anfang einer Suchbewegung ausserhalb des Backlogs sein können.

Erst schreiben, dann fragen steht der Mission gegenüber, die mit einem Backlog üblicherweise verfolgt wird. Die einzige spezifische Aufgabe ist, Sachen ans Lager zu nehmen. In Verbindung mit der Produktion von (öffentlich zugänglichen) Blogbeiträgen können die im Backlog hinterlegten Kategorien als Überschriften von Tasks (Aufgaben) angesehen werden.

Wozu Umwertungen gut sind

Interpretation und Bewertung von Phänomenen findet statt.

Wozu ist das Phänomen gut?, wenn es als schlecht bewertet wird, führt unter Umständen wieder in seine Nähe.

Denn [d]er Logos der Phänomene, den das phänomenologische Philosophieren für sich in Anspruch nimmt, zeichnet sich dadurch aus, daß er nicht über etwas spricht, ohne zugleich von etwas her zu sprechen. (…) Er läßt also eben das, worüber er spricht, zur Erscheinung, zu Wort kommen oder in »eigener Person« auftreten, wie Husserl bühnennah formuliert.1Waldenfels (Suhrkamp, 2012). Hyperphänomene: Modi hyperbolischer Erfahrung. S. 142

Rare Ausgänge

Von der Strenge der Wissenschaft ist eine kurze Geschichte von Jorge Luis Borges. Sie handelt von einem Land, in dem die Wissenschaften der Kartografie und der Geografie überragende Perfektion erlangten. Die Karten zum Land wurden, infolge der zunehmenden Detaillierung, grösser und grösser. Der Hang zum Detailreichen konnte mit dem Bedürfnis nach Genauigkeit erklärt werden. Dieses wiederum war der Strenge der Wissenschaften geschuldet. Irgendwann war jedes Detail abgebildet und daraus ergab sich eine Landkarte, die die gleiche Grösse wie das Land hatte. An diesem Punkt blitzt auf, dass Versuche, Universalerkenntnis zu etwas zu erlangen, in die Leere führen. Was kann mit einer solchen Karte noch zu einem Land gesagt werden? Borges warnt andererseits an verschiedenen Stellen davor, Sachen unterkomplex abzubilden.

Die Sachen sind von hier aus gesehen in weiten Teilen verstellt. Das bezieht sich aufs Kartografieren, als auch die Landschaft. Findet sich Verstelltes in der Landschaft, ist es darzustellen, kartografische Unsicherheiten (Was ist Geografie?) sollen auf den Tisch.

Wissenschaftliche Klarheit hängt an Abstraktion (als ein Aspekt von Sytematizität), anhand der Sachen (in der Landschaft) abgebildet werden sollen. So abstrakt wie möglich, so konkret wie notwendig lautet die Lebensregel, um den Labyrinthen zu entkommen. Es ist von hier aus gesehen theoretisch (kartografisch, geografisch) und landschaftlich labyrinthisch. Ausgänge sind vorhanden, aber rar.

Phänomenologische Betrachtung

Um zu beschreiben, was phänomenologische Betrachtung auszeichnet, gehen wir zuerst auf den Unterschied zwischen Konstruktivismus und Phänomenologie ein und setzen voraus, dass der Konstruktivismus an einer Ontologie festgemacht sein muss, will mit ihm etwas über die Wirklichkeit gesagt werden. Um sehen zu können, was damit gemeint ist, bezeichnen wir Erfahrungswirklichkeit als Koordinatenursprung. Statt auf Konstruktivismus, der ohne fundamentale Strukturen des Seins und seinem Wesen auszukommen sucht und so auch Erfahrungswirklichkeit losgelöst, für sich alleine stehend, betrachten würde, gehen wir auf eine Form ein, die Varga von Kibéd konsequenten Konstruktivismus nennt.1vgl. Varga von Kibéd, M., & Sparrer, I. (2018). Ganz im Gegenteil: Tetralemmaarbeit und andere Grundformen systemischer Strukturaufstellungen – für Querdenker, und solche die es werden wollen (Zehnte Auflage). Carl-Auer-Systeme Verlag. Nach dieser Ausprägung ist es erforderlich, sich selber auch als interessante Konstruktion, und damit als im Bodenlosen verwurzelt, anzusehen. Das soll unser Scharnier sein. Von hier aus schlagen wir den Bogen zur Phänomenologie.

Nun können wir fragen, wer im Bodenlosen verwurzelt ist. Aus Sicht des Phänomenologen Hermann Schmitz lautet die Antwort: Der Leib. Ein humanoides Ich kann (unabhängig von seinen 5 Sinnen) feststellen, dass immer schon etwas da ist, wenn es auf sich oder auf das, was es umgibt, bezogen ist.2vgl. Hartmut Rosa in Unverfügbarkeit. (2018). Residenz Verlag, S. 12, zu Maurice Merleau-Pontys Welt-Subjekt-Beziehung Gerade die neue Phänomenologie beteuert, aufgrund dieser Feststellung müsse es der Leib sein, der schon da ist. Sein Dasein ist nicht alleine an seinem Denken festgemacht, sondern an einer Art Gesamteindruck, also auch an Wahrnehmung. Die neue Phänomenologie nennt solches Wahrnehmen affektives Betroffensein. Darauf stellt der Satz Was zwingt mich, etwas zu einer Zeit an einem Ort gelten zu lassen? ab und daraus entwickelt Schmitz seine Revisions-Idee. Das lässt sich anhand von Schmitz‘ Umgang mit Situationen konkretisieren. Situation sieht er als grundlegenden und konkreten Gegenstandstyp der Lebenserfahrung an. Das Spezifische von Situationen ist, so Schmitz, der Ruf ihrer Tragweite. Sie bestehen aus Sachverhalten, Programmen und Problemen, die nicht sämtlich einzeln, sondern zu chaotisch mannigfaltiger Ganzheit verschmolzen sind. Schmitz‘ Ausdruck chaotische Mannigfaltigkeit meint eine Binnendiffusion3vgl. http://www.topowiki.de/wiki/Explikation, die darin besteht, dass unter den Elementen des Mannigfaltigen keine durchgängige Entschiedenheit dazu erfüllt ist. Es ist nicht Chaos im Sinne von Verworrenheit oder verworrenem Durcheinander gemeint, sondern im Sinne von Verschwommenheit. Situationen können aktuell oder zuständlich sein, privat oder gemeinsam. Gegenständlich oder subjekt- und objektunverteilbar übergreifend. Die Persönlichkeit eines Menschen ist seine persönliche Situation, die viele Situationen in sich trägt und in viele eingebettet ist. Unter den Situationen sind die Eindrücke diejenigen, die in einem Augenblick ganz zum Vorschein kommen. Sie sind vielsagend, weil sie dank des chaotischen, mannigfaltigen Hofes ihrer Aussagekraft mehr zu verstehen geben, als sich einzeln sagen lässt. Vielsagende Eindrücke, wie beim Betrachten eines interessanten Gesichts, eines Porträts, einer eigenartigen Naturstimmung oder beim Betreten einer Wohnung, die einem gleich behaglich oder kahl vorkommt, noch ehe man sich umgesehen hat, vielsagende Eindrücke sind die genuinen Einheiten der Wahrnehmung. Zwischen den Spitzen der auffälligen Eindrücke gibt es die Scharen der unauffälligen, an denen wir uns ständig unwillkürlich orientieren. Eindrücke können ausser dem Hof ihrer Bedeutung auch beliebige andere Gegenstände, zum Beispiel dingliche oder sinnliche Kerne, enthalten.4vgl. Hermann Schmitz zu «Wege zu einer volleren Realität»

Das wird hier nicht als grundsätzliche Absage an den Reduktionismus verwendet. Für den Moment ist einfach verlangt, die Bildung von Alltagswissen und die Bildung von wissenschaftlichem Wissen auseinanderzuhalten. In Situationen, wie von Schmitz verstanden, bleibt der Bezug zwischen Lebensumständen und eigener Positionalität erhalten.

Vom Rationalismus (als Denkweise) nehmen wir hier an, dass er epistemisch mit der Wirklichkeit ringt. In der Übertreibung ist mit dem Konstruktivismus gemeint, dass es keine Wirklichkeit gibt. Die Phänomenologie nimmt in Anspruch, dass immer schon etwas da ist, das (trotz aller Epistemisierung) nicht hintergangen werden kann.

Um den phänomenologischen Blick zu schärfen, wird abschliessend die (soziologische) Erfahrungswirklichkeit durch einen passenderen Begriff ersetzt. Gottfried Ben habe, so Sloterdijk, mal gesagt: «Ich blickte in mich hinein und was fand ich? Ich fand die Soziologie und die Leere». Das bedeute, so Sloterdijk weiter, ein Ich findet Leute und nichts. Und das Nichts ist das Ich.5vgl. Peter Sloterdijk in Sein und Streit zu Freiheit Das Nichts ist jedoch bereits bestimmt durch das Unbestimmte, das noch alles werden kann. Diese (unbestimmte) Bestimmung ist (im Vergleich zum Begriff Erfahrungswirklichkeit) mit Tatsachensubjektivität deutlicher gefasst. Sie ist ein Fazit der neuen Phänomenologie. Mit ihr lässt sich die Empfehlung unterstreichen, in der (alltags-, bzw. lebensweltorientierten) Praxis Versuchen zu erliegen, die Wirklichkeit weder als Konstruktion anzusehen noch sie epistemisch zu binden.6vgl. Bogner, A. (2021). Die Epistemisierung des Politischen: wie die Macht des Wissens die Demokratie gefährdet. Reclam.