Interpretation

Ein Sprachmodell brachte sich nach der Aufforderung, zu diesem Adverb einen Satz zu bilden, mit «Abermals sind es nicht so sehr die Fakten, die uns beunruhigen, sondern die Interpretation derselben.» ein. In Marco Wehrs «Komplexe neue Welt und wie wir lernen, damit klarzukommen» findet sich ein Hinweis, mit dem die Frage aufgeworfen werden kann, ob zu Intentionen des Sprachmodells überhaupt von aufs Tapet bringen gesprochen werden sollte. Wehr verweist hierzu auf Schulz von Thuns Vier Ohren und die Antwort ist Nein. Sprachmodelle vermögen nach Wehr nichts anderes, als auszurechnen, welche Worte am ehesten zusammenpassen. Es handle sich um Geplapper eines stochastischen Papageis.

Unter diesen Umständen ist es zwecklos, darüber nachzudenken, was das Sprachmodell mit Beunruhigung meint. Oder sich mit ihm dazu auseinanderzusetzen, dass Fakten aufgrund von Interpretationen der Welt entstehen.

Kiesstrand

Dem Kiesstrand entlang schlendern, einen Stein auflesen, einen anderen liegen lassen

Was auf dem Kiesstrand geschieht, betrifft zuerst, was den Erzählungen der Menschen entnommen wird, die Beratung in der Praxis für die Sachen selbst beanspruchen. Und dann, woran die Entscheide festgemacht sind, was von Philosophinnen und Philosophen während einer Beratung eingebracht wird. Gerade heute sind das Überlegungen von

  • Rahel Jaeggi, weil sie Individuen nicht paternalistisch kritisieren will, sondern sich um die Strukturen, die den Individuen Entscheidungsmöglichkeiten vorgeben, kümmert;
  • Susan Neiman, für die Erwachsensein ein Balanceakt ist: Ständig ein Auge darauf zu haben, wie die Welt ist, ohne aus dem Blick zu verlieren, wie sie sein sollte;
  • Hermann Schmitz, weil er der reduktionistischen Introjektion eine Form der Intersubjektivität gegenüberstellt, die er affektives Betroffensein nennt;
  • Bernhard Waldenfels, weil er in jedem Versuch einer verstehenden oder erklärenden Rationalisierung von Gewalt einen Schleichweg sieht;
  • Peter Sloterdijk, weil sich bei ihm Sachen zum radikalen Selbstbezug finden1«Wenn der Mensch in sich hineinschaut, dann findet er, wie Gottfried Ben es einmal sagt; ‹Ich blickte in mich hinein und was fand ich? Ich fand die Soziologie und die Leere.› Das heisst, ich finde Leute und nichts. Und das Nichts bin ich. Dieses Unbestimmte, das noch alles werden kann, diese totipotente Zelle eines absoluten Lebensgefühls, um das herum entwickeln sich die Freiheitsimpulse. Und was dazukommt, ist eine Erfahrung, die schon Kinder erleben, die vielleicht das stärkste Freiheitsgefühl haben: Selbst der Anfang einer Ursachenreihe sein können.»;
  • Matthias Ohler, weil nach ihm das zu Tuende ist, die Sachen der Philosophinnen und Philosophen in ein Dienstleistungsverhältnis zu bringen;
  • Hannah Arendt, weil sie, während sie arbeitete, an Wirkung nicht interessiert war und von
  • Barbara Gründler: weil es «[n]ach dem vorsichtigen Einträufeln des bitteren und schwer zu metabolisierenden Gegengifts der Philosophie (…) zu einer allmählichen Desillusionierung der durch asketische Ideale Verzärtelten und einer befreienden Abkehr von Glaubenssätzen jeder Art kommen» kann2Gründler B. (2019). Von seelischer Selbstvergiftung und Hasskonserven: das Ressentiment im Sprachspiel der Psychiatrie. wbg Academic, S. 354.

Mit dem Angebot der Praxis für die Sachen selbst stehe ich Ihnen jederzeit gerne zur Verfügung.

Erst schreiben, dann fragen

Die Texte auf gegenwartundstruktur.net sind mit Zetteln verwoben, die sich in einem Backlog ansammeln. Dafür wurde lange Zeit eine, von der Öffentlichkeit weitgehend abgeschottete, WordPress-Installation verwendet. Seit Oktober 2023 ist obsidian.md Zettelkasten und Schreibwerkstatt. Als Lagerraum bietet das Programm einschlägige Möglichkeiten, Fundstücke, wie Zitate und Gedanken, abzulegen und mittels Link, Kategorien und Schlagwörtern untereinander zu vernetzen. Jedes Fitzelchen wird zettelweise ans Lager genommen. Betreffnisse (Begegnungen mit Zitaten und Gedanken) sollen der Bewertung lagerwürdig entzogen bleiben, indem im Vordergrund gehalten wird, dass es um Herstellung, Kategorisierung, Verschlagwortung, Ablage und Überarbeitung von einzelnen Zetteln geht. Erst ans Lager nehmen, dann fragen, was ans Lager genommen wurde, ist die Übung.

Dem Backlog wird zu einem Text, der sich in Entstehung befindet, in verschiedener Weise auf den Zahn gefühlt: Es kann auf die Verschlagwortung von Zetteln abgestellt werden, auf die Kategorien, denen die Zettel zugewiesen wurden, als auch auf die Volltextsuche. Was dabei erscheint, lässt sich grob in erwartet, überraschend und keine einteilen. Erwartetes dient der (Selbst-) Vergewisserung, Überraschungen (bspw. unerwartete Zettel) liefern Denkanstösse, während keine Ergebnisse der Anfang einer Suchbewegung ausserhalb des Backlogs sein können.

Erst schreiben, dann fragen steht dem Auftrag gegenüber, der mit einem Backlog üblicherweise verfolgt wird. Die einzige spezifische Aufgabe ist, Sachen ans Lager zu nehmen. In Verbindung mit der Produktion von (öffentlich zugänglichen) Blogbeiträgen können die im Backlog hinterlegten Kategorien als Überschriften von Tasks (Aufgaben) angesehen werden.

Aggression

Aggression muss an den Tag. Im Traum knirscht sie mit meinen Zähnen.1vgl. hierzu: Jesper Juul, Aggression, Warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist, S.Fischer Verlag, Frankfurt, 2013 Sie steht «anything goes!» gegenüber, das weder in beraterischer, noch lebenspraktischer Hinsicht funktioniert. Paul Feyerabend sagt:

Die Weise, in der soziale Probleme und Probleme der Wechselwirkung von Kulturen untersucht und gelöst werden, hängt (…) von den Umständen ab, unter denen sie entstehen, den Mitteln, die zur Zeit verfügbar sind, und den Wünschen der Menschen, die sich mit ihnen beschäftigen. Es gibt keine Bedingungen, denen das menschliche Denken und Handeln immer und unter allen Umständen unterworfen ist.2Irrwege der Vernunft, Suhrkamp, 1996, S.440

Damit ist nicht gemeint, dass alles gelten soll. Menschen, die alles gelten lassen, jeden noch so grossen Widerspruch, landen beim Opportunismus. Dort geht es aggressionsgehemmt zu und her.

Der andere Paul3s.a. Aber ein Paul hilft doch dem anderen, Paul Feyerabend – Paul Hoyningen-Huene Briefwechsel 1983-1994, Passagen Verlag, 2010, Hoyningen-Huene, erklärt in Systematicity, The Nature of Science4Systematicity, The Nature of Science, Oxford University Press, 2013, dass jede Deskription Weglassungen ausgesetzt, und damit Abstraktion ist. Das betrifft besonders das Zustandekommen von Wissen. Alltagswissen ist im Vergleich zur Wissensform Wissenschaft statischer. Wissenschaftlichkeit bleibt durch (systematische) Vorhaben, wie Beschreibung, Ausdehnung, Vorhersage, Verteidigung, Kritischer Diskurs, Epistemische Verbindung usf., beweglicher. In der Praxis für die Sachen selbst lautet darum eine Frage: Was kann, statt mit Interpretation, mit forschendem Interesse an den Tag befördert werden? In Beratungen auf Interpretationen zu verzichten, bedeutet, sich, dem Nächstbesten (mitunter aggressiv) entgegenzustemmen. Ganz wie bei Petzold:

[I]m Sinne einer „systematischen Heuristik“ (…) und eines systematischen spielerischen Denkens (…) nach kompatiblen Methoden oder verwandten Theorien (…) suchen, die eine situative Stimmigkeit, eine „ökologische Validität“ (…) zu gewährleisten versprechen.5Integrative Therapie, 2. Modelle, Theorien und Methoden für eine schulenübergreifende Psychotherapie, 1993, S. 474

Wer Beratung in der Praxis für die Sachen selbst in Anspruch nimmt, kümmert sich alltagsbezogen um die persönliche Integrität und wird sich in wissenschaftlicher Hinsicht hiermit beschäftigen: Was muss gerade ich, zu dieser Zeit, an diesem Ort, gelten lassen?

Zur Bedeutung von Aggression besteht in der Praxis für die Sachen selbst keine Einigkeit mit Erich Fromm. In seiner Anatomie der menschlichen Destruktivität sagt er:

Wenn wir uns darauf einigen, als «Aggression» alle Akte zu bezeichnen, die einer anderen Person, einem Tier oder einem unbelebten Objekt Schaden zufügen oder dies zu tun beabsichtigen, dann sind die vielen verschiedenen Arten von Impulsen, die man unter der Kategorie «Aggression» zusammenfasst, grundsätzlich daraufhin zu unterscheiden, ob es sich bei ihnen um die biologisch adaptive, dem Leben dienende, gutartige Aggression oder um die biologisch nicht adaptive, bösartige Aggression handelt.6Anatomie der menschlichen Destruktivität, Rowohlt, 2015, S. 209

In der Praxis für die Sachen selbst werden Akte, die einer Person oder einem Tier Schaden zufügen, als Gewalt bezeichnet. Solche Absichtserklärungen werden als Drohungen angesehen. Menschengemachte Beschädigung unbelebter Objekte ist davon ausgenommen (und als Sachbeschädigung bezeichnet). Statt zwischen gutartiger und bösartiger Aggression wird zwischen Gewalt und Aggression unterschieden. Begrifflich wird Aggression ursprünglich verwendet:

(…) Aggression im buchstäblichen Sinn der Wortwurzel – aggredi von ad gradi (gradus bedeutet «Schritt» und ad «auf etwas zu», was also so viel heisst wie «sich auf etwas zu bewegen», gehen, schreiten) -, ähnlich wie Regression von regredi kommt und «sich zurückbewegen» bedeutet. (…) Aggressiv sein in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes, heisst so viel wie auf ein Ziel losgehen (…)7Ebd. S. 212

Gestalteter Lebensvollzug ist mit Aggression verzahnt. Das bedeutet, eigener Instabilität offensiv zu begegnen, als auch eigenes Widerstreben laut werden zu lassen.

Einen Spalt weit

Im Vorwort von Zwischen Vergangenheit und Zukunft geht Hannah Arendt auf die Entdeckung der Freiheit ein. Sie macht das am Erleben des Schriftstellers Réne Char fest. Am Ende der dritten französischen Republik (1870 – 1940) wurde er Mitglied der Résistance. Diese Organisation kümmerte sich im Untergrund um die Schaffung eines öffentlichen Raumes, in dem die Angelegenheiten des Landes verhandelt und durch Wort und Tat erledigt wurden.
Arendt bring Chars Freiheit nicht mit Handeln in Verbindung, das gegen die deutschen Besatzer gerichtet war. Ihm und seinen MitstreiterInnen sei die Freiheit erschienen, weil sie sich initiativ um diesen öffentlichen Raum gekümmert hätten. Char: Bei jedem gemeinsamen Mahl bitten wir die Freiheit an unseren Tisch. Der Platz bleibt leer, aber das Gedeck liegt bereit. Die Herausforderung bestand in der Aufrechterhaltung der Idee, so Arendt.

Char habe vorausgesehen, das nach dem Krieg wieder zu verlieren. Wenn ich davon komme, werde ich auf das Arom dieser wesentlichen Jahre verzichten müssen.

Der Platz in der Zeit, der weit genug von der Vergangenheit und der Zukunft entfernt ist, von dem aus miteinander kämpfende Kräfte mit einem unparteiischen Auge beurteilt werden können, ist nicht einfach da. Er muss jedes Mal von Neuem geschaffen werden.

Trotzdem der Platz der Freiheit leer bleiben wird, es als erforderlich ansehen, wieder und wieder für sie einzudecken, ist nach Arendt eine Denkerfahrung.

Von der Tätigkeit, solche Denkräume zu schaffen, entfernten wir uns, so Arendt weiter, indem wir zusehends auf den Platzhalter Tradition setzten. Dass der Begriff Abnutzung erfuhr und letztlich Ausserkraftsetzung, führte zu allgemeiner Verwirrung.

An dieser Tafel für vier Gäste war für das WIE, als möglichen fünften Gast, eingedeckt. Es sollte für einmal nicht darum gehen, WAS gedacht wird, sondern um die Frage, wie es gelingen kann, denkend einen Spalt offenzulassen, in dem Wahrheit eventuell erscheinen mag.

…und so fort…

Deine Darstellung ist trostlos, aber nur für die Analyse, deren Grundfehler sie zeigt. Es ist zwar so, daß der Mensch sich aufhebt, zurückfällt, wieder sich hebt und so fort, aber es ist auch gleichzeitig und mit noch viel größerer Wahrheit ganz und gar nicht so, er ist doch Eines, im Fliegen also auch das Ruhen, im Ruhen das Fliegen und beides vereinigt wieder in jedem Einzelnen, und die Vereinigung in jedem, und die Vereinigung der Vereinigung in jedem und so fort, bis, nun, bis zum wirklichen Leben, wobei auch diese Darstellung noch ebenso falsch ist und vielleicht noch täuschender als die deine. Aus dieser Gegend gibt es eben keinen Weg bis zum Leben, während es allerdings vom Leben einen Weg hierher gegeben haben muß. So verirrt sind wir.

Franz Kafka

Zwischen den Seiten von Ich und Welt fand sich ein Zeitungsartikel zu Schulz’ Untersuchungen der Geschichte der Ästhetik. Weil ich es, nachdem das Zitat aus der Einleitung kopiert war, meinem Freund schenkte, bleibt das Buch von hier aus gesehen eines, über das man spricht, aber nicht gelesen hat. Ob es die Überlegung enthält, dass Subjektivität, auf die sein Untertitel eingeht, am Ich haftet und kaum anders in der Welt vorkommt? Dass Auseinandersetzungen aus der Vergangenheit – das Buch stammt aus dem Jahr 1979 – es mitunter vermögen, die Gegenwart zu entwirren, stand beim Verschenken im Hintergrund. In erster Linie erhielt der Freund das Buch, weil es ästhetisch ist, einen Verweis zu einem weiteren Buch enthält, das mit Ästhetik befasst ist, und weil ein Antiquar mit ihm ein Schaufenster auf eine Weise ausstattete, die meine Subjektivität zu betreffen vermochte. Ein Ich bespielte die Welt. Sie bespielte daraufhin ein Ich. Und so fort.

Merkmale

Autonom eine Entscheidung fällen zu können, ist davon abhängig, dass einer Person die Frage «Was soll ich tun?» etwas bedeutet und das, wozu sie einen Entscheid zu fällen hat, etwas mit ihr zu tun hat. Die Person soll mit dem Gegenstand der Entscheidung und der Frage dazu identifiziert sein.

Auslegung in der Praxis für die Sachen selbst ist bestimmt durch

Vertrauen darin, dass personales Wachstum möglich ist,

Erfahrung, im Hinblick darauf, dass jede Person in der Lage ist, sich auf sich selbst zu beziehen,

Vermutung, mit der sich vor Augen zu halten ist, eine bestimmte Hermeneutik auf die Narrative der zu beratenden Person zu legen und in einem zweiten Schritt, was ihre Erzählung, unter Beizug phänomenologischer Gesichtspunkte, sein könnte.

Die Gespräche in der Praxis für die Sachen selbst orientieren sich an Beschrieben, an Bildern, an Gefühlen und an der Revision von Dargebrachtem.

Persönliche Revolution besteht niemals darin, plötzlich draufzukommen, sich komplett geirrt zu haben. Der eigene Deutungshorizont verändert sich langsam. Dieser Umstand wird zur Quelle, kristallisieren sich Probleme heraus, um die sich plötzlich das ganze Leben zu sortieren scheint. Unsere Sicht auf das eigene Dasein ist kein Kippbild. Wir sind in der Lage den Spuren zu folgen, die unsere Sichtweise beeinflussen. Wir vermögen es, was bei der Lösung eines Problems als Störung auftritt, als Vorboten anzusehen: Was in Verbindung mit Unlösbarkeit als Störfaktor erscheint, ist dabei oft die Urform der Lösung.

Es lohnt sich, über Wert- und Normvorstellungen zu sprechen. Oft sind hier lähmende Widersprüche zu finden. Die Widersprüche werden bleiben. Die Möglichkeit an ihnen zu wachsen auch.