Zorn

Ich zitiere am Ende meines Buches (…) Nietzsches kulturtherapeutisches Programm. Er blickt auf 2500 Jahre Metaphysik zurück und stellt eine grosse psychische Verzerrung fest, die durch die Verkennung der thymotischen Regungsmöglichkeiten entstanden ist und durch eine überwertige Betonung von Demutstugenden, die der psychologischen Natur des Menschen nicht gerecht werden. (…) Die Therapie beginnt ja immer mit der Publikation. Das heisst, sobald sich psychologische, anthropologische Tatsachen dem offenen Himmel, einer klaren und nüchternen Beobachtung, präsentieren können, ist schon ein Grossteil der Therapie geschehen.

In diesem anaeroben, von Luft abgeschlossenen Seinsmodus des Verdrängten und des in den Untergrund Abgeschobenen, werden all diese Affekte giftig. Es ist ja auch kein Zufall, dass wir heute die grössten Zornesäusserungen (…) alle aus dem Untergrund emergieren sehen.

Peter Sloterdijk